meine Art, mich von meiner besten Freundin zu verabschieden


auf den hund gekommen

  Erinnert ihr euch noch an Lily, als ihr Fell noch von den Ohrenspitzen bis zum nach oben kringelnden Schwanz pechschwarz und ihre Augen klar waren?
  Einen Steinwurf hinter unserm Haus gab's ein Wäldchen - in dem sind Lily und ich immer spazierengegangen. Hier konnte sie nach Lust und Laune herumtoben und Schmetterlinge oder Grashüpfer jagen; die kleine Hündin fing zwar nie was, aber sie regte sich stets mächtig auf und tat, als sei sie irgendeinem Ungeheuer auf die Spur und alle in Todesgefahr. Sie konnte aus dem Stand bis zur Brusthöhe springen - wie ein Reh, wobei man sehen konnte wie durchtrainiert ihr Körper unter dem glänzendglatten Fell war - eine Araberstute in Miniformat. Ihre großen schwarzen Augen schienen dann noch größer zu werden, gleich herausfallen zu wollen, ihre spitzen Fledermausohren zitterten bei jedem Sprung, bei jeder Drehung ihres kleinen Kopfes und sie bleckte die Spitzzähnen, schien einen an- oder auslachen zu wollen:
  "Wo ist das Monster, wo?! Ich zerreiße es in Stücke - WO?!!" - und doch bewahrte sie stets Haltung, ganz feine Dame.
  Das hätte euch bestimmt gefallen. Mensch, jetzt seid ihr so alt wie eure Mutter damals...!
  Allmählich ließ das Springen nach, und ihre schönen großen schwarzen Augen bekamen innen zwei Silbermonde, die langsam aber stetig größer wurden, bis sie eines Tages nichts mehr sehen konnte und ich dieses schöne stolze und bis dahin freie Geschöpf an die Leine nehmen mußte, damit sie nicht überall anstieß. Gar nicht so lange her: könnt ihr euch noch erinnern?   Aber ich wollte euch aus ihren guten Tagen erzählen, von dem Wald und den Löchern, aus denen man sie manchmal ziehen mußte: einem Kaninchenbau oder der Höhle eines riesigen Bären - wer weiß?
  An einem wunderschönen Frühsommertag, es hatte tage-, was sag ich: wochenlang wie aus Kübeln geschüttet, sodass Lily sich schier überkügelte vor unterdrückter Lebenslust. Ihr wißt ja, sie mochte kein Wasser, sprang elegant über jede Pfütze und weigerte sich, das Zeug auch nur zu trinken, jedenfalls pur - ein Schuß Milch mußte schon rein, sonst guckte sie nach kurzem Schnüffeln entrüstet hoch:
  "Was?! Wasser?! Bin doch keine Ratte!!"
  An dem Tag schien jedenfalls zum erstenmal seit langem die Sonne, und das Mädchen hatte sich tief tief eingewühlt, sodass ich Mühe hatte sie wieder rauszuholen.
Plötzlich.
        Gab.
                  Die.
                           Erde.
                                    Unter.
                                             Uns.
                                                       N
                                                                A
                                                                          A
                                                                                   A
                                                                                             A
                                                                                                     C
                                                                                                               H
                                                                                                                        !
  Reflexartig packte ich das Tier, und wir fielen oder rutschten bestimmt zwei oder drei Minuten lang schräg in die Tiefe. Wir wären tiefer gesunken, wenn wir uns nicht in das Gezweig eines entwürzelten Baumes, der sich quergelegt hatte, verheddert hätten.
  Minutenlang konnte ich nur betäubt dasitzen und Lily kraulen, dann sah ich mich um: Weit über - oder unter? - uns war ein Lichtfleck von der Größe eines arg kleinen Kellerfensters, unsere einzige Rettung, denn sonst war es dunkel. Aus Angst Lily zu verlieren - es gab ja überall Geröll, herausgerissene Büsche, umgelegte Bäume und Steine, und das Tier bebte vor Entdeckerfreude - steckte ich das Mäuschen kurzerhand unter mein Pullover.
  Es war mühsam... Seid ihr schon mal im Dunkeln einen Berg hochgeklettert? nein? Jedenfalls holte ich mir jede Menge Kratzer, blaue Flecken und Beulen. Aber das war nicht das schlimmste. Das schlimmste kam, als...
  das
  Licht
  ausging.
  Einfach so.
  Frechheit, vor allem nach meiner Pläckerei, oder? Wütend tastete ich nach einem dicken Stein, holte aus und warf es nach dem verschwundenen Licht. TOCK! machte es, als sei der Stein auf etwas Hartes, Hohles gestoßen, und dann: PFFF! und das Licht ging wieder an.
  Un-heim-lich.
  Wenige Minuten später war es wieder finstere Nacht...
  Diesmal benötigte ich vier Würfe bis das TOCK! und PFFF! erklang, und beeilte ich mich, den Abstand zwischen den unheimlichen Geräuschen und uns zu verringern, bevor das Licht...
  Vedammt!! schon wieder zappenduster! So ging das mindestens eine geschlagene Stunde - das letzte Stückchen bewältigte ich in tiefstem Finsternis.
  Da war es:
  hart,
  glatt,
  kalt.
  Ich tastete weiter, inzwischen vor Erschöpfung jenseits vom Gruseln:
WAS WAR DAS...?! ein Griff?! zog und schloß dann geblendet die Augen...
  "Also wirklich, Mama!" kam es da vorwurfsvoll von meiner ältesten Tochter Tina aus der Dunkelheit hinter mir. "Mach bitte den Kühlschrank zu und geh schlafen. Du weißt, die Erdbeertorte ist für Gabys Geburtstag!"
  Man soll eben nicht mit leerem Magen ins Bett gehen. - Gute Nacht.

  © 2005 hexandthecitys Maskottchen LILY war nicht eine schwarze Katze. 07.01.2005, 1 Tag vor ihrem 19. Geburtstag - unvergessen




Migration und all sowas

  Wie erwähnt habe ich weitere Kurzgeschichten ausgebuddelt, aber mich interessieren sie momentan nicht. Was soll's? Dafür habe ich ein kurzes Schreiben aussortiert, wahrscheinlich nie abgeschickt, Thema: 'Migration'. Das ist doch aktuell, oder? Wann ist das mal nicht aktuell? Jahreszahl finde ich leider nirgendwo, muss 2008 gewesen sein, jetzt gehe ich also daher und mach etwas, was ich nie wollte, nämlich mich selbst zitieren, 11 Jahre jünger:

  "Sie möchten etwas über migrantische Erfahrungen zu lesen
bekommen? Gibt es sowas? Zumal wenn man nicht migrantisch
aussieht, sich nicht migrantisch anzieht und sogar recht ordentlich
Deutsch spricht? Schon gut, es gibt ihn: den Rassist, den Chauvinist,
das arme Schwein, das denkt, man habe ihm Frau/Arbeit/wasweissich weggenommen - aber muß der zur Kenntnis genommen werden, muß
man den kennen?

  Ihnen interessieren Widerstände von seiten der Bevölkerung
besonders - woher soll'n sie dann kommen, die Widerstände? Die
gab's höchstens beim Erlernen der Deutschen Sprache...
  "Aha!" stutzt da mancheiner und holt die antifazistische Keule hervor.   Wegpacken. 5 - setzen!
  Der Widerstand lag in dem Bemühen meiner lieben Mitmenschen,
ihr zum Teil grauenhaftes Englisch ausprobieren zu wollen: mit
Händen und Füssen, gebrochen oder mit Wörterbuch - Hauptsache
nicht Deutsch (Sakrimannoherrgottchennochmal, schafft endlich
die Synchronisation ab - jedes holländische Kind kann's besser).
  Versteh ich ja: der Mensch ist keine Insel, ist aufgeschlossen,
gebildet, kurz: multikulturell. Gerade good old Germany mit der angebräunten Vergangenheit möchte einiges, nein, nicht aus-
radieren, geht ja nicht: korrigieren oder wenigstens überspielen:
guckt her, ich kann mich mit einem Ausländer unterhalten!
Aber wie soll unsereiner da die Sprache erlernen, die immerhin
als eine der schwierigsten der Welt gilt? Zum Glück gibt/gab es
Bücher, und im Gefängnis darf auch ein Ausländer sich
welche aus der Bücherei ausleihen - irgendwann waren
die englischsprachigen Bestände nämlich aufgebraucht...

  Betroffenes Schweigen: "Gefängnis? Jessas, was hat die angestellt?"
und es entstehen düstere Bilder eines armen kleinen Ausländers
(diese Spezies ist nur außerhalb eines Gefängnisses 'groß', etwa im
Wald auf der Flucht - außer Landes schrumpfen sie dann wieder bis
zum Nichtvorhandensein, daher folgt nach der Meldung z.B. eines
abgestürzten Flugzeugs mitsamt Ableben einige Hunderte Mitmenschen
wie nebenbei - alles wartet auf den Schluß, die Quintessenz:
"...darunter 2 Deutschen/Amerikaner/Holländer etc" - das ist nämlich international, machen alle). Was fallen einem noch für Gefängnis-
bilder ein? In den Duschräumen mit nassen Tüchern traktiert,
schimmeliges Brot, Glassplitter im Wasserkaffee und andere Gangsterszenen. Sorry, kann ich nicht mit dienen. War in
Einzelhaft und wurde absolut korrekt behandelt: wecken, drei
Mahlzeiten, Licht aus. Zur Belehrung des echtdeutschen, halb-
deutschen und nichtdeutschen Volkes oder Nichtvolkes: alle
aus welchem Grund auch immer in Deutschland aufgegriffenen
Ausländer kommen hierzulande in 'Abschiebehaft', sie werden in Gewährsam genommen, bis man weiß, wohin man sie abschieben
kann.
  Sehr logisch und human also.
  Blöd nur, wenn man nicht weiß, wohin man schieben soll, etwa
weil keine Papiere da sind, ja: nicht einmal eine Identität. Sowas
Dummes. Aber täglich ein Buch, das füllt den Tag aus und bildet
sogar - hoffen wir's. Und länger als ein Jahr darf laut Gesetz
niemand,der sonst nichts auf dem Kerbholz hat, in
Abschiebehaft gehaltenwerden. Bei der Entlassung war mein Schriftdeutsch also besser als Ihres - wetten?
Das war vor 33 Jahren, ich war 17.
  Tut mir Leid, ziehe mir bei literarischen Wettbewerben eine Menge
aus den Fingern und gewinne sogar manchmal einen Trostpreis,
aber diesmal müssen Sie sich mit meiner eigenen Geschichte
begnügen - mehr fällt mir ausnahmsweise beim besten Willen
nicht ein.

  Habe inzwischen übrigens drei Enkelkinder, bin also voll
integriert in diesem 'unserer' Lande. Nur den Deutschen Pass, den
habe ich immer noch nicht - möchten Sie hören, warum nicht?
Weil ich Mensch und Weltbürger bin, allenfalls noch Europäer,
aber selbst wenn es diese Hindernisse nicht gäbe, es gibt andere -
soll ich sagen? Man muss dazu nicht nur die Deutsche Sprache
beherrschen, man muss eine deutsche Schule besuchen und eine
Prüfung bestehen und ein Zertifikat vorweisen, dass man Deutsch
kann. Man muss endlos Formulare ausfüllen und viele Fragen
präzise antworten. Darüber hinaus muss man sich geographisch
auskennen, vom Grundgesetzbuch und von der Legislatur und Pipapo
mehr als eine Ahnung haben. Unter anderem.
Und das alles für ein Stück Papier.
  Bescheidene Frage: Mussten Sie das?
  Will ja nicht unhöflich sein, schließlich bin ich hier Gast,
aber möchten Sie hören, was Sie mit Ihrem bürokratischen
Lappen gerne können?

  Hoffe, wir haben uns verstanden. Und viel Glück!"



  2019. Nachträglich folgende Erläuterungen:
  Hört sich etwas verbiestert an, der Text. Wie ich mittlerweile wieder (kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, es jemals gewußt zu haben, aber bitte) weiß, war mir eine selbständige Erwerbstätigkeit nicht gestattet; ich schrieb unter zahlreichen Pseudonymen, deren ich mich nicht mehr erinnern kann und hielt nach Wettbewerben Ausschau. Siehe oben. Mir ist nicht bekannt, wie oft es Fälle wie meine gab oder gibt, vielleicht bin ich eine Ausnahme? Ich erhielt nach einem Jahr Abschiebehaft einen Ausländerausweis, mit 'ungeklärt' als Staatsangehörigkeit. Blieb ihnen nichts anderes übrig, stimmt? Irgendwie muss jeder sich ausweisen, sonst geht die Chose von vorne los. Man muss außerdem bedenken, dass ich mich zwei Jahre älter gemacht habe, also mit 16 bereits volljährig war. Meine Töchter, beide hier geboren, zur Schule gegangen undsoweiter, erhielten ebenfalls ein 'ungeklärt', welches sie, kaum volljährig, schleunigst durch ein 'Deutsch' ersetzen ließen - die Umstände und die Fragerei muss ziemlich lästig gewesen sein, sorry, Mädels!
  Sollten diese Anmerkungen jemandem zum Nachdenken bewogen haben, freut es mich - das ist nämlich der Sinn des Schreibens bzw. Lesens. Das Wort Migration - von Duden harmlos als "Abwanderung in ein anders Land, in eine andere Gegend, an einen anderen Ort" definiert - hat einen negativen Nachgeschmack erhalten, daher habe ich mir einen Link ausgesucht, zum Beispiel mit knallharten Zahlen darüber, wo genau in Deutschland es wie viele "Migranten" warum gibt oder gab: siehe unten rechts. Wahrscheinlich bin ich trotz meinem bunten Background für das Thema denkbar ungeeignet, privat merke ich Negatives erst, wenn ich darunter liege oder man meine Nase drinbadet - wie meine Quecksilbervergiftung, genau - und neige wie alle in unserer Familie (Deutsch & Niederländisch) dazu, aus allem das Beste zu machen - alles andere macht alt und bitter und hält einen unnötig auf. Hinzukommt die für mich herrliche Neigung, immer genau hier und heute exakt das am liebsten zu tun, was ich in dem Augenblick gerade tu. Beneidenswert? Ja!
  Das Leben. Ist. Schön!


 globalisierung ist ganz anders

 Marke: solo

 Migration