Leseprobe von "marke: solo". War mein zweites Buch, das erste kam mir wie eine zusammengeklebte Kollage vor. MS fand Interesse bei einem großen Münchner Verlag, die Lektorin war begeistert, es war ihr aber zu viel Öko drin! Was würden die FridayforFuture-Kids wohl dazu sagen, bereits 1988 hat man Bescheid gewußt und nichts gemacht. Schöne Szenen mit Agent Orange (von den Amis tonnenweise in Deutschland "deponiert") wurden rausgeschnitten. Unter anderem. Irgendwann hat man keine Lust mehr. Trotzdem, habe selten etwas mit so viel Vergnügen geschrieben und hoffe, das kommt rüber - viel Spaß! Live geschrieben übrigens, direkt vorm Fall der Mauer.



I. vielzweckschlüsselaufbewahrungsnagelbrettgestell

  Hysterisch - er?! Die Empörung schien ihn anschwellen, um Zentimeter wachsen zu lassen, dann gab er sich einen Ruck und stapfte zum Waschbecken, sich im Spiegel darüber begutachtend: zwei blau-blitzende Augen und etwas gerötete Wangen - ja und? Als Mann in den noch lange nicht besten Jahren war es sein gutes Recht, wenn nicht Pflicht, hie und da etwas männlich-gesunde Erregung zu zeigen, sonst machten die Weiber was sie wollten.

  "Ich bin nicht hysterisch!" fauchte der Spediteur. "Ein wenig verwundert", räumte er ein, "etwas erstaunt vielleicht..." - Teufel! wie kam er dazu, sich vor der eigenen Angestellte zu rechtfertigen? Sich abwendend, fegten seine Arme einige in einem Büro unvermeidlichen Gegenstände vom Schreibtisch: ein Aschenbecher samt Inhalt schepperte gegen die Wand, es hagelte bunte Büroklammern und obendrauf legte sich ganz sachte eine schneeweiße Decke aus Schreibmaschinenblättern...

  Verärgert über die eigene Tolpatschigkeit, drehte er ein paar schnelle Runden um den Schreibtisch, im Vorbeigehen Statistiken, Poster und Tabellen zum Flattern bringend - Tina Turner machte einen Zeitlupen-Kotau, nur noch an ihren rassigen Füßen hängend, mit dem Gesicht zur Wand.

  "Warum sollte gerade ich hysterisch sein?!" kratzte er sich am Kopf, nach Gründen kämmend. "Ich habe eine gutgehende Spedition, soundsoviel gutgehende Wagen, noch mehr gutgehende Fahrer und..."

  "Einer ist krank", machte seine Sekretärin den Mund auf.

  Er ignorierte den Zwischenruf. "...und eine Sekretärin, der es so verdammich gut geht, dass sie ihrem Chef vor lauter Glückseligkeit an den gutgehenden Kopf zu werfen wagt, er sei hysterisch! Und warum?!" kippte seine Stimme ins Soprane. Er setzte ab, sich irritiert räuspernd. "Weil dieser Hund von einem Vorgesetzten es gewagt hat, die dubiosen Machenschaften besagter Dame zu kritisieren, ha!" Er schaute finster auf sie herab: war doch gut gesagt, oder? Und so sachlich.

  Die Dame hatte die Beine lässig übereinandergeschlagen, sah interessiert auf ihren auf und nieder wippenden Fuß und - schwieg.

  "Macht nichts", zischte er. "Tut nichts zur Sache, nicht aufregen, ich flehe Sie an! Bleiben Sie ruhig sitzen und schauen mir beim herrlichen Gutgehen zu, ich bitte Sie!" Jählings drehte er sich auf dem Absatz um und rauschte hinaus, als fürchte er um die eigene Beherrschung. Leise fiel die Tür ins Schloss. Alle Türe der Firma Münch waren mit einer elektronischen Vorrichtung versehen, die nebenbei das Zuknallen verhinderte.

  Dina horchte einen Augenblick aufmerksam, bevor sie das Band festzog, das ihr kastanienbraunes langes Haar zusammenhielt - ein Handgriff, der bei ihr das Ärmelhochkrempeln ersetzte - und sich daranmachte, die alte Ordnung wiederherzustellen. Die knappen Bewegungen verrieten Routine und den Selbstdisziplin einer Frau, die sich unter Kontrolle hatte. Jederzeit.

  Im Nu sah der Raum aus wie vor einer knappen Viertelstunde: nüchtern und aufgeräumt - wie dessen Hauptnutznießerin es zu sein vorgab. Sie hatte Übung, war die Ausfälle ihres Chefs gewohnt. Früher hatten die einseitigen Gefechte sich hauptsächlich in seinem Luxusbüro nebenan abgespielt. Ein teurer Spaß. Das Büro eines erfolgreichen Geschäftsmannes muss Eindruck schinden: ein Stuhl mit nur drei Beinen, knirschende Glasscherben unter den Schuhen eines potentiellen Kunden - das ging gar nicht. Im Endeffekt war es vorteilhafter bei einer Sekretärin hysterisch zu werden, deren Billigmöbel sich oft als schmerzhaft stabil erwiesen, und die als Frau wegen der hinterher fälligen Säuberungsarbeiten ohnedies besser geeignet war. Yeah. Geschah es dennoch, dass irgendwas in die Brüche ging: ein liegengelassener Regenschirm etwa oder ein Töpfchen Handcreme, kein Problem: Dina ersetzte es und der Boss unterschrieb hinterher stillschweigend die Rechnung - alles mit der Automatik altgedienter Schmierenkomödianten, die nichts aus der Ruhe bringen konnte. Der Ärger über die eigene Ungeschicklichkeit war ebenso spontan und ehrlich wie das Zähneknirschen beim Bezahlen hinterher, und doch suchte Alex mit unterbewusster Heimtücke nach etwas zum Kaputtmachen...

  Energisch befreite Dina die Turner aus deren Bauchlage und schaute sich um. Sie verzog den Mund, als ihr Blick auf das alte Schlüsselbord fiel, das neben der Tür zum Flur hing: ein hässliches Brett mit zehn mal zehn zum Teil rostiger Nägel: die oberen für die Wagen-, die unteren für die Türschlüssel der Spedition. Der Boss hatte das klobige Stück Holz zusammen mit seinem ersten Wagen, einem echten Bull Trucker, erstanden, und hütete beide Oldtimer wie seine Augäpfel. Dinas Belustigung galt dem Umstand, dass Alex das Bord nicht einmal streifte, egal wie rasend er war - auch der Spiegel über dem Waschbecken blieb verschont. Dabei hingen beide einladend lose an jeweils einer einzigen Schraube...

  Dina hatte kaum Zeit, sich das amüsierte Lächeln vom Gesicht zu wischen, der Chef konnte auch leise sein wenn er wollte. Er verlor kein Wort über ihre Säuberungsaktion, sich nicht einmal umsehend, schien sich aber beruhigt zu haben.

  "Und?" erkundigte er sich fast gähnend. "Was haben wir uns dabei gedacht, als wir dieses rothaarige Weib als Fahrerin anstellten, häh?" An eine Antwort interessiert, verkniff er sich die Zusatzfrage, ob sie des Denkens überhaupt fähig sei, und wartete.

  Sie schlug die Augen nieder. "'Das Beste vom Besten'" zitierte sie mit tiefer Stimme. Normalen Tones setzte sie hinzu: "So lautet unser Firmenmotto, so pflegen Sie immer zu sagen..." Sie zögerte kaum merklich. "Also habe ich halt das Beste vom Besten genommen. Punktum."

  Alex verzog angeekelt das Gesicht. Allerdings, so pflegte er zu sagen...

  "Außerdem", beeilte sich Dina hinzuzufügen, "ließen Sie mir ausdrücklich freie Hand, hatten Wichtigeres zu tun."

  Auch wieder wahr. Alles, was seine unbezahlbare Sekretärin je sagte oder tat, hatte Hand und Fuß, ach was: Finger und Zehe! Immer. Die Empfehlungsschreiben und Papiere des "rothaarigen Weibes" waren überwältigend, die Frau musste von klein auf anstatt Muttermilch Diesel zu nuckeln gekriegt haben. Nicht nur hatte "man" eine Fahrpraxis von mehr als fünfzehn Jahren ohne einen einzigen Punkt in Flensburg, nein, auch mehrere Preise im Geschicklichkeitsfahren vorzuweisen. Beachtlich. Unter allen Bewerbern hatte seine rechte Hand souverän "das Beste" herausgepickt, aber ja. Und die Auswahl war groß gewesen. Zwar waren Fahrer, die halbwegs jung und erfahren waren, Mangelware, doch galt dieses Naturgesetz nicht für Betriebe mit guter Bezahlung, sozialer Absicherung, Fairplay und Bonusse noch und noch, wie das bekanntlich bei der Spedition Münch der Fall war. Sie hatten nicht einmal eine Annonce aufgeben brauchen, so was sprach sich herum... Nun, jedenfalls schien die Liste aller Auszeichnungen und Fähigkeiten dieser Person so lang wie deren zurückgelegte Kilometerzahl, wenn nicht länger, und Dina, die Gewissenhafte, hätte glatt die Daten der einzelnen Milchzähne mit heruntergeleiert...

  "Nehmen Sie halt das Beste vom Besten wie üblich, und verschonen Sie mich mit dem Kleinkram", hatte Alex daher unwirsch angeordnet und sich Wichtigerem zugewandt...

  "Und warum", bohrte er weiter, "haben Sie die Kleinigkeit unterschlagen, dass dieser Geschicklichkeitsfahrer eine Frau ist, hat sie's beim Vorstellungsgespräch nicht erwähnt?" höhnte er in Anspielung auf die nicht eben flachen Formen der Neue.

  "Aber Chef!" quiekte die Holde mit Güh-Güh-Gäh-Gäh-Augen. "Sie wollen damit doch nicht andeuten, der zweitbeste Fahrer sei Ihnen lieber als die allerbeste Fahrerin?"

  Alex schwieg verstimmt. Exakt das war es, was er nicht nur hatte andeuten wollen, doch in der heutigen emanzipierten Zeit als Unternehmer sagte man sowas besser nicht. Immer häufiger hatte er es mit Frauen in leitender Position zu tun. Kaum hatte man sich an den Anblick vom weiblichen Managers des hiesigen Fußballverein gewöhnt, musste man sich von dem Tiefschlag erholen, einen Kredit abgelehnt zu bekommen - ausgerechnet von einer Frau. Über Nacht schossen sie aus dem Nichts wie Pilze im unschuldigen Walde. Was sollte er tun, die Pilze anderen überlassen? Davon wurde er auch nicht satt.

  Ein giftiges Exemplar stand vor ihm, treuherzig lächelnd. "Außerdem haben Sie nicht gefragt", setzte sie hinzu. Er gab Zischtöne von sich, was sie locker als Zustimmung deutete. "Sehen Sie!" flötete sie. "Nun mal ehrlich: Sie waren bei Ihrem Bruder, sind wieder mal abgeblitzt und daher ein wenig gereizt, stimmt's?" Dina wusste, diese Runde hatte sie gewonnen, gönnte ihrem Chef aber einen ehrenvollen Abgang. Zwei Augenpaare, eines hellblau und ohne Falsch, das andere dunkelblau und misstrauisch, beäugten sich wie die Uhus, nahmen Maß.

  Nach einer Weile wandte Alex den Blick ab. "Na ja", gestand er resigniert, "der alte Esel nimmt einfach keine Vernunft an..." Besagter Esel war keine zwei Jahre älter als der Spediteur, zwei Jährchen, die der Jüngere seit einer Jahrzehnt nach Belieben zu strecken pflegte. Okay, er war kein Teenager mehr, aber frischer als dieser Greis mit den Elektrohaaren allemal - und überhaupt: Brüderschaft, wo gab's das noch, ein längst verschüttetes Wort aus Karl May...

  Vom Vater von klein auf zur 'gesunden' Konkurrenz angespornt, brauchte der erwachsene Alex das ständige Messen der Kräfte, während es dem Älteren egal war. Der Tod des alten Münch hatte an dieser Kommunikationsart nichts zu ändern vermocht, im Gegenteil alles noch verschlimmert, denn ohne Zustimmung des Bruders durfte keiner sein Erbe veräußern. Keine schöne Sache, wenn es sich um zwei Hälften desselben Hauses handelte. Anfangs hatte der Ältere sein "vergiss es!" sechshundert Kilometer per Post vorbeigeschickt, später sorgten seine Kollegen an der Universität dafür, dass der Gelehrte diesen großen Schein der Gleichgültigkeit gegen die härteren Münzen der Anteilnahme eintauschen musste.

  Selbst Schuld. Als Lehrer, gar Professor hatte man nach gewissen Grundsätzen zu lehren, wenn schon nicht daran geglaubt werden konnte. Nur Studenten, Wahnsinnige und Politiker konnten sich ein Stänkern gegen Vater Staat leisten; abtrünnige Pädagogen auf vom Elternhaus noch warme und biegsame, künftige Steuerzahler loszulassen, war sträflich - eine Art Selbstmord auf Raten. Nun, man hatte es im Guten versucht, mit Vernunft, mit versteckten, dann offenen Drohungen. Zuletzt war der Lehrkörperschaft nichts übrig geblieben, als den Widerspenstigen um seine Entfernung zu bitten, wobei 'bitten' nicht das exakt richtige Verbum war.

  Aber er ging, das war die Hauptsache. Warum sollte er nicht? Er hatte seine Ersparnisse, seine Haushälfte, das verzinste Startkapital des Vaters sowie die ebenfalls angewachsene Erbschaft der Mutter, diverse interessante Hobbys und mit einem Male soviel Zeit wie man sich nur wünschen kann, sich all diesen schönen Dingen zu widmen. Dazu eine Pension, die sich sehen lassen konnte, vor allem wenn man bedachte, wie wenig er dafür tat, getan hatte. Glück, was willst du mehr?

  Der kleine Bruder hatte andere Vorstellungen vom Glück, hatte früh seinen ersten Lastwagen gekauft, und dann noch einen und noch einen und noch einen - tja, und irgendwann reichte seine Haus- und Grundstückhälfte nicht mehr, die überdies im feinsten Wohngebiet lag. In dieser kritischen Phase, just als es dem Jüngeren juristisch/nachbarschaftlich an den Kragen ging, kreuzte der große Bruder auf, und was tat der?

  Nichts.

  Der Bursche erwies sich als genauso borniert und rückständig wie die lieben Nachbarn - und sowas hatte man als Radikaler von der Uni gejagt? Ha, der Kerl besaß nicht einmal ein Auto, man stelle sich vor...

  Zu guter Letzt hatte er, Alex, umziehen müssen, vielmehr: seine Wagen waren umgezogen und er selbst zuckelte nach einiger Zeit brav hinterher. Es war dem Unternehmer gelungen, im Industriegebiet eine ausgediente Lagerhalle, einige Garagen und viel Gelände zu ergattern - spottbillig! Recht nobel eigentlich, einem unkooperativen Verwandten nach viel Ungemach das Feld zu überlassen - und was hatte er dafür verlangt: etwa Geld oder gar Dank? N-nein. Eine klitzekleine Unterschrift, mehr nicht. Einen Tintenklacks, den er benötigte, um seine verflixte Haushälfte zu verkaufen, eine Haushälfte, mit der er nichts anzufangen wusste und nichts als Schwierigkeiten gehabt hatte und deren Veräußerung ihm Luft verschafft hätte, da er sich finanziell etwas - nicht der Rede wert! - verkalkuliert hatte. Naja, und da war noch dieser kraftvolle Mercedes-Benz, den er unbedingt haben musste, weil - nun, egal warum, jedenfalls war der Wagen tipptopp und günstig zu haben, aber wie lange noch?! So ein kleiner Namenszug war unter Brüdern nicht viel verlangt, oder? Offenbar doch. Der ach so humane Professor zog es vor, eine große Wohnung, ein ganzes Haus leerstehen zu lassen, während Tausende und Abertausende von Obdachlosen verzweifelt auf der Kuhweide zelteten. So einer was das, aha...

  Zähneknirschend erzählte Alex vom Blitzbesuch beim Bruder am Abend zuvor. Es war ihm gelungen, dem alten einsamen Gelehrten die idealen Nachbarn zu verschaffen: ruhig, kinder- und haustierlos und arbeitsam. Sie hatten keinerlei Nachwuchsabsichten, waren umweltfreundlich (alle drei Autos, das Motorrad und der Roller waren mit Katalysator versehen), handwerklich begabt, ordnungsliebend und willens, Wäsche und Einkäufe des gewiss ungelenken und zerstreuten Professors zu besorgen. Mit Engelszungen hatte Alex auf den Dickkopf eingeredet, genug Überzeugungskraft in seine Worte gepackt, um die Titanic erneut zu versenken. Umsonst. Adieu, schöne Träume, lebwohl, oh prachtvoller Mercedes-Benz, möge dein künftiger Besitzer an deinen Abgasen ersticken!!...

  Nein, diese Unterredung hatte mit der üblichen Türknallerei geendet. Der geplagte Mann stöhnte: Warum er, warum immer nur er?!

  Seine Sekretärin murmelte mitfühlende Vokale oder schüttelte den Kopf, je nachdem. Kaum hatte er sich ausgejammert, wieselte sie zu einem hässlichen Schrank und schloss auf, eine Thermoskanne und zwei dicke Mugs hervorholend. Beim Einschenken sah sie kurz hoch: "Vermieten Sie Ihre Haushälfte doch einfach. Dazu brauchen Sie keine Unterschrift, oder?"

  Alex war zu niedergeschlagen, um sich wie üblich über die Dummheit der Weiber im allgemeinen und seiner Sekretärin im besondere zu mokieren und hob eine Schulter.

  "Das bisschen Miete, was soll ich damit: Scheibenwischer kaufen? Wie Sie wissen oder wissen müssten, brauche ich eine größere Summe, um die Firma zu expandieren und einige Schulden zu tilgen. Dringend."

  Dina nickte verständnisvoll, taktvoll übergehend, dass der Boss seit Jahren den Erlös des Hauses benötigte. Dringend.

  "Und um den Hausmeister zu spielen", fuhr Alex wegwerfend fort, "fehlt es mir an Kleinkariertheit - Klotzen muss man, wenn man etwas erreichen will, mein Kind."

  "War nur ein Gedanke...", nickte das Kind. "Ich dachte, nun, wenn Ihr Bruder mit den neuen Nachbarn nicht klar käme und dann um jeden Preis loswerden möchte..." Sie wandte sich mit einem Achselzucken ab und fing an, die inzwischen leeren Mugs abzuspülen. Als ordentlicher Mensch schätzte sie es nicht, Dinge herumliegen zu lassen, und wenn es für eine Nacht wäre. Über die Schulter hinweg erkundigte sie sich im Geschäftston: "Was ist mit dem eben eingegangenen Frachtbrief? Soll ich ihn noch schnell fertig machen? Ist nämlich gleich Zapfenstreich."

  Keine Antwort.

  Sie drehte sich um. Alex schien gedanklich weit weg. Halblaut vor sich hinmurmelte, kratzte er sich am Ohrläppchen, während seine Sekretärin mechanisch das Geschirr in den Schrank räumte und abschloss: man konnte nie wissen.

  "Wie wäre es mit Petra und Martin?" störte er sie bei ihren bald-ist-Feierabend Vorbereitungen.

  "Wie bitte?" machte die Tüchtige ein törichtes Gesicht.

  "Nun, als Mieter natürlich", erinnerte er sie ungeduldig.

  Sie spitzte den Mund, während sie die Schreibtischplatte abwischte und zur Waschecke schritt, um den Lappen auszuspülen und an den Haken neben dem Spiegel aufzuhängen.

  Alex verfolgte jede Bewegung, wagte aber nicht sie zu drängen.

  "Ordinär genug wären sie", lautete endlich ihr Urteil, "aber zu nett. Ihr Bruder ist netten Leuten gegenüber wehrlos."

  "Stimmt. Sie sind mit uns verwandt, ich vergaß."

  "Nur ganz entfernt!" protestierte sie. "Angeheiratet sozusagen."

  Ihr Chef war von der Möglichkeit, doch noch zu seinem Geld zu kommen und gleichzeitig dem Sturkopp eins auszuwischen zu gefesselt, um das wenig Schmeichelhafte ihrer Verwandtschaftsverleugnung zu bemerken. "Machen Sie doch einen Vorschlag, Sie Schlaumeier!" forderte er gereizt. "Etwas Anständiges müssen Sie doch leisten, Ihr fürstliches Gehalt zu verdienen."

  Sie brachte ein papierdünnes Lächeln zustande. "Eine bloße Angestellte ist für derlei Denktätigkeiten zu kleinkariert. Im übrigen bin ich seit" - sie warf einen Blick auf die Uhr - "sechseinhalb Minuten Privatperson. Guten Abend, Herr Münch."

  "Hab dich nicht so", duzte er sie unwillkürlich wie in vergangenen Tagen, als sie noch nicht bei ihm angestellt war. Lässig schob er sich zwischen Dina und der Tür, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen.

  Die Sekretärin verzog das Gesicht. "Schön, überlegen wir also: Was kann der Prof nicht ab, welche Abneigungen und Aversionen hat er...", murmelte sie. "Er mag keine Frauen..."

  "Nicht?!" plärrte Alex, Entsetzen im Gesicht. "Mir neu..."

  "Soll ich mein fürstliches Gehalt nun heute verdienen oder erst Ostern?" rügte sie.

  "Oh. Bitte bitte. Fahren Sie fort."

  Sie schloss die Augen, wie um seinen Bruder vor ihrem inneren Auge zu sehen. "Also - er mag keine Frauen... keinen Lärm..., zählte sie auf. "Außerdem mag er keine Autos und hasst es, bei der Arbeit gestört zu werden... Hm, wie wäre es mit..." Sie brach ab, die Augen aufreißend. "Oh jé, wenn ich das vorschlage, reißen Sie mir den Kopf ab!"

  "Nun, sagen Sie schon!"

  Statt einer Antwort bewegte sie sich resolut zur Tür, war aber nicht schnell genug - wie eins seiner Brummis hatte Alex sie überholt und stand vor ihr, die Arme ausgebreitet.

  "Pfft", machte Dina, sich gottergeben in ihren altmodischen Drehstuhl setzend. "Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt! Ich kenne jemanden, der in Frage käme: Eine weibliche Person, sehr temperamentvoll, hat ein Kind im schlimmsten Flegelalter, eine geschwätzige Schwiegermutter, ein uraltes Auto und zwei Hunde, groß wie Shetlandponys..."

  "Wer?!!"

  "Das rothaarige Weib", bekannte sie zaghaft. "Antonia Schikorra, neueste Erwerbung der Spedition Münch, Geschicklichkeitsfahrer und..."

  "Gottchen", hauchte er, sich nach einer Sitzgelegenheit umschauend.

  Bereitwillig machte sie ihm Platz. "Sie fährt für ihr Leben gern, und ihre Hunde bellen, unter anderem..." Sie hielt inne, um dann bedeutungsschwer hinzuzufügen: "Wauwau, woefwoef! Buddel, buddel, scharr, scharr...!"

  Alex hob reflexartig einen Zeigefinger, der auf halbem Weg zur Stirn innehielt, während ein Aha-Leuchten über seine Gesichtszüge ging: Natürlich! warum war er nicht selbst darauf gekommen? Dieser vertrottelte Naturmensch war ja total närrisch mit seinem Grünzeug, ließ alles kreuz und quer wuchern und sagte "Garten" dazu. Als Alex noch in seiner Haushälfte gewohnt hatte, war er mehr als einmal Zeuge von Freudentänzen gewesen, die der alte Narr beim Aufblühen gewisser exotischen Pflanzen hingelegt hatte. Nun, bereits als Kind hatte der Kauz seltsame Dinge angestellt...

  "Setzen Sie sofort einen Mietvertrag auf!" Der Geschäftsmann jodelte es beinahe, einige Fred-Astaire-Schritte zur Tür machend. "Aber wenn etwas kaputt gehen sollte - ich will nichts davon hören, verstanden? Verstopfte Abflussrohre, leckes Dach - sie soll es gefälligst selber flicken, klar? Schreib das klar und deutlich mit rein!"

  "Gleich", meinte Dina gelassen. "Sobald ich den Frachtbrief..."

  "Zum Teufel mit dem ollen Frachtbrief!" dröhnte er gutgelaunt. "Sehen Sie zu, dass das famose Weib heute unterschreibt und mitsamt Anhang einzieht. Mit großzügigen Kündigungsmöglichkeiten meinerseits, versteht sich - Sie wissen schon." Den Türgriff bereits in der Hand, drehte er sich noch einmal um und wiederholte ausdrucksvoll: "Heute noch!"

  Dina zählte langsam bis zehn, bevor sie sich ans Fenster begab, auf die hohe Gestalt des Chefs wartend. Ihre Lippen kräuselten sich, als er im weißen Cabriolet verschwand, der wie immer direkt vor dem Eingang stand. Mit einer Ginger-Rogers-Parodie tänzelte sie zu ihrem Schreibtisch zurück, wartete aber noch etwas. Erst als sie den Motor hell aufheulend durchs Tor rasen hörte, hob sie den Hörer und wählte ihre eigene Nummer.

  "Toni? Es hat geklappt, gleich komme ich mit dem Mietvertrag, ja? Stell schon mal eine Flasche Sekt kalt..."





II. fernverkehrsautobahnschilder

  Dreiundzwanzig lange Minuten hing die Truckerin nun schon wie angeseilt hinter einem knallroten Volkswagen mit verbeulten Kotflügeln und Baby-an-Bord-Schild: noch so'n Würstchen, das die Straßen zum Abbau von Minderwertigkeitskomplexen benötigt, ätzend. Vor sich keine Sau, hinter sich weit und breit kein Schwein zu sehen, doch sie war wegen einer bürokratischen Kleinigkeit namens Überholverbot dazu verdammt, die Abgase einer unkatalysierten Blechschachtel zu inhalieren. Eisern ließ sie den Finger von der Hupe, den Gefallen würde sie dem Würstchen nicht tun, oh nein. Der Überholverbot galt nur für Lastwagen, dabei waren einige Laster technisch besser ausgestattet und auf jeden Fall mit fähigeren Fahrern bestückt als - verdammt, nun blinkte der Frechdachs gar, Schluss mit lustig! Das Lenkrad nach links reißend, beschleunigte Toni, um kurz darauf abzubremsen, denn der Lümmel hatte ebenfalls einen Zahn zugelegt und zog nun voller Triumph aufheulend davon, als habe er jahrelang just für diesen Moment trainiert: David schlägt Goliath, üüüäääh!

  Vor sich hin schimpfend lenkte die Rothaarige den Wagen auf die rechte Spur zurück und drehte das Radio lauter, normalerweise ein unfehlbares Mittel gegen schlechte Laune.

  "...fünf Jahre Umweltpolitik haben nicht etwa wie versprochen weniger Stickoxide gebracht", verkündete eine männliche Stimme gewichtig.

  Toni stöhnte: solche Töne bekam sie daheim genug zu hören, wie wäre es mit Musik, Kumpel?

  "...statt dessen hat man ganze 7 % mehr nachgemessen. Aa-bär sicherlich ist das Ergebnis sogar positiv zu bewerten", fuhr der Kumpel ungerührt fort, eine Kunstpause einflechtend, als zitiere er Hamlet. "Gewiss werden die Herren Politiker nun fromm einwenden, ohne ihren Einsatz wäre es mindestens um die Hälfte mehr geworden, wären ganze Gebiete unter einer Smogglocke verschwunden wie in gewissen Nachbarländern, wo man... - Kwiiit", fiel das Radio sich selbst ins Wort. "Wir unterbrechen unser Programm mit einer aktuellen Verkehrsmeldung: Auf der Autobahn E45 Richtung Hamburg hat es einen schweren Unfall gegeben. Inzwischen gibt es einen Stau von circa zwei Kilometer Länge. Autofahrer, die in..."

  Nein! schimpfte Toni erneut los, wenn auch lautlos, um die Empfehlungen nicht zu verpassen. Für sie bedeutete dies ein Umweg von dreiviertel Stunde. Mindestens.

  Die Rothaarige bog in die nächste Ausfahrt; das Radio hatte sie leiser gedreht, um nicht schon wieder die Nachrichten hören zu müssen.

  Es war kurz nach Mitternacht. Geisterstunde. Was hat es für einen Sinn, sann sie träge vor sich hin, ein Gähnen unterdrückend, so gegen die Uhr zu fahren? Es ist so spät, kein Hahn kräht danach, ob Fernfahrer Schikorra in Andorra zeltet oder zu Hause schläft... Nun? Der Sinn liegt darin, liebe Antonia, säuselte eine bekannte helle Stimme in ihrem Hinterkopf, dass du es dir erstens vorgenommen hast und zweitens am liebsten im eigenen Bette aufwachst. Abgesehen davon, dass Pünktlichkeit und Ausgeschlafensein für einen Trucker, mischte sich eine tiefere Stimme ein, einen echten Trucker, so unvereinbar sind wie... Toni schmiss die elterlichen Stimmen über Bord, um sich besser konzentrieren zu können: wie Marzipan und Ketchup. Bäääh! streckte sie ihrem dunklen Spiegelbild im Fenster eine vor Kaffee nahezu schwarze Zunge heraus. Das können wir besser, Mädel! Ihre etwas zu kleine Nase krümmte sich nach unten beim Einsaugen ihrer Oberlippe: wie Fantomas und Peter Alexander, wie...

  Als sie nicht länger widerstehen konnte und zur Uhr schielte, griente sie. Fast zweiundvierzig Minuten hatte sie mit dem sinnlosen Ausdenken absurder Vergleiche herumgekriegt, ein neuer Rekord. Müßig erwog sie die Möglichkeit einer Teilnahme an den Olympischen Spielen, kicherte und schalt sich gleichzeitig albern, während der Lastwagen in elegantem Bogen in die heimische Einfahrt rauschte.

  "Spedition MÜNCH", las sie immer noch freudig und dankbar, darunter kleiner:

  "Schonen Sie Ihr Eigentum, Ihre Nerven und die Umwelt - fahren Sie MÜNCH!" - diesmal quittegelb auf grünem Hintergrund. Wenn der Chef seinen Namen nicht an jede Mauer, jedes Bäumchen malen dürfte, bit-te, aber keiner konnte ihn daran hindern, die erlaubten Schilder in immer neuen Farbe leuchten zu lassen, damit sich ja niemand daran gewöhnen konnte. Sie parkte, schloss ab und strebte mit langen Schritten auf ihr eigenes Auto zu. Auto? Eher Kinderwagen. Keines dieser flotten Dinger mit Fell, elektronischem Schiebedach und und und, nein, ein Autochen, in dem jeder halbwegs normal gebaute Mensch, der mitwollte, sich die Beine quasi hinter die Ohren klemmen musste, um dem Fahrer das Lenken nicht gänzlich unmöglich zu machen. Toni hatte das Dingelchen vor sechzehn Jahren gekauft und hing daran, wie sie mit der Zeit an allem hing was irgendwelche Macken hatte; reibungslos funktionierende Sachen, Tiere oder Menschen langweilten sie. Wie winzig, wie spielzeughaft klein ihr Wagen sich nach dem dicken Brummi ausmachte. Wie eine Nadel neben der Freiheitsstatue, wie... Manno! stöhnte sie in komischer Verzweiflung. Das Blöde war, die albernen Spielereien verfolgten sie nach einer längeren Tour regelrecht - mitunter bis in den Schlaf. Nichts Schlimmes eigentlich, nur - lästig. Zumal es sich als immer kniffliger erwies, neue Begriffe zu finden, je länger man dabei war: wie... wie...

  Den Heimweg schaffte sie in vier einigermaßen brauchbaren Vergleichen, beim fünften sank sie auf ihr Bett und war augenblicklich eingeschlafen. Ein guter Fahrer, so ein Sprüchlein ihres Vaters, kann zu jeder Zeit, in jeder Lage und überall einschlafen. Sofort.

...in hotpants schlittenfahren macht spaß - antonia, ziehe auf der Stelle etwas vernünftiges an, doch eine lange schlange rotblauer käfer versperrte ihr den weg, und die hunde bellten wie verrückt - ruhe, tom, kusch, jerry...

  Sie gähnte, schlaftrunken die Treppe runter schlurfend, und öffnete die Hintertür. Erst als Tom, der sich für Herumtollerei und andere Albernheiten zu gereift dünkte und entsprechend lange Krallen hatte, ihr auf den nackten Fuß trat, ging Toni auf, dass nicht nur ihr Traum sie verlassen hatte, sondern sie irgendwie auch ihr Bett. Ein nachträgliches "Autsch!" von sich gebend, riss sie die Augen auf und ließ einige weniger harmlose Vokale folgen. Prompt raunzte ihr Hinterkopf sie an: Eine schlechte Angewohnheit ist das Fluchen, Antonia, das musst du von deinem Vater haben...

  Toni ignorierte die Stimme und schritt hinaus in die Kälte.

  Dieser Nachbar! Kein Wunder, dass die Hunde sich so aufspielten, bei dem Lärm. Hörte sich an wie... wie zwei amerikanische Footballteams beim Aufwärmen in einem Restaurant. Oder wie... wie...

  Energisch schaltete sie ihre Spinnereien aus und dafür einen schnelleren Gang ein, quer durch den Garten zur anderen Haushälfte sprintend. Auf ihr Klingeln wurde es schlagartig ruhig, und dann - nichts. Ja, glaubte dieser seltsame Patron etwa, sie würde nun brav heimwärts dackeln, als wäre nichts gewesen? Nicht mit mir, mein Süßer! Spontan drückte sie den Türgriff herunter und erschrak ein wenig, als die Tür nachgab: auweia, Hausfriedensbruch! Einen Moment auf der Schwelle verharrend, lauschte sie: nichts! - bevor sie kühn eintrat.

  Es war stockfinster, der Lichtschalter befand sich jedoch wie in ihrer Haushälfte links direkt neben der Haustür. Nachdem sich ihre Augen angepasst hatten, musste sie nicht nur wegen der Beleuchtung zwinkern: bei ihr war auch nicht immer alles picobello, aber dies...

  Kein Sessel, nicht ein Buch oder Blatt schien an seinem Platz, alles hing, lag, stand verkehrt herum wie von der dritten Etage heruntergeworfen, wie... wie Mikadostäbchen... wie... - Hör auf mit dem Unfug! Antonia, mäßige dich! Achtung, Mädel! riefen die Hinterkopfstimmen misstönend durcheinander, jählings verstummend, als Tonis Blick auf ein halbbekleidetes - oder heißt es halbnacktes? - Wesen fiel, das auf allen Vieren zwischen den verstreuten Gegenständen umher kroch. Toni gluckste. Der Krabbler musste sie gehört haben, ließ sich aber nicht stören. Offenbar ein Hippie, das Haar schien das gesamte Gesicht zu bedecken, sich hierhin und dorthin sträubend wie eine Wiese, wie ein Unkrautfeld nach einem Platzregen, wie... Unversehens drehte das Unkrautfeld sich um, Tonis naturkundliche Betrachtungen abwürgend, denn über einer der buschigen Brauen leuchtete eine tiefrote, leicht tropfende Sichel.

  "Was machen Sie da?" entfuhr es ihr.

  "Ich wohne hier", kam es trocken. "Und Sie?"

  Sie ließ sich nicht provozieren, zählte bis eins und schnappte: "Ihre verruchte Party besichtigen. Hatte nichts Besseres zu tun und dachte: kiek mol rin auf'n Bierchen."

  "Aha", kommentierte er höflich. "Und das ist Ihr üblicher Party-Outfit?"

  Toni sah an sich herunter. Sie trug das lange und sehr bunte Oberteil eines japanischen Pyjamas - sonst nichts. Dann hob sie den Blick und schluckte. Sacht, ganz sachte stahl sich ein Lächeln in ihre Augen, um den Mund, breitete sich nach außen aus und hatte bald das ganze Gesicht erfasst.

  Unwillkürlich entspannte ihr Nachbar sich und spitzte die Lippen.

  "Wo ist Ihr Badezimmer?" wollte sie übergangslos wissen.

  "Zweite Tür, links", gab er bereitwillig Auskunft.

  Als Toni zurückkehrte, hatte er seine Herumkriecherei wieder aufgenommen. "Was, zum Teufel, suchen Sie da?" formulierte sie ihre Eingangsfrage neu.

  Er starrte hoch, überwältigt von ihrem Anblick: breitbeinig stand sie da, eine Hand in die Hüfte gestemmt, in der anderen seinen Verbandskasten. Mit der freien Hand hievte sie einen Sessel auf die Beine, dazu eine einladende Geste machend, als sei sie hier zu Hause:

  "Setzen Sie sich."

  "Ich kann ohne Brille nichts sehen", wandte er wenig sinnreich ein, nahm aber angesichts ihrer unerbittlichen Haltung Platz.

  Ein guter Trucker kann selbst im Schlaf Erste Hilfe leisten, sofern er etwas taugt, hatte Tonis Vater stets versichert. Nun, sah die Truckerin selbstironisch an sich herunter, zwar schlief sie nicht direkt, aber die Backgroundmusik stimmte.

  "Tz tz", machte sie, als ihr Nachbar unter ihren Händen aufstöhnte. "Ein Indianer kennt keinen Schmerz."

  "Meine Eltern waren so ziemlich deutsch" murmelte der Gescholtene kaum hörbar. "Nur Heino kann das toppen."

  "Widerrede auch noch", wunderte sie sich. "Mit Ihnen hat man nichts als Ärger."

  "Wer ungeladen auf fremden Partys erscheint hat seine BÜrgerrechte verwirkt und darf sich nicht mal wundern", konterte er ungerührt. "Wer sind Sie überhaupt?"

  Toni klebte dem Frechdachs ein enormes Pflaster übers Auge. "Ihre neue Nachbarin." Sie schleuderte ihm einen grünen Laserblick zu und räusperte sich. "Sie wissen schon: das rothaarige Weib mit Pubertätskind und zwei Ponys."

  "Sorry, ich kann ohne Brille wenig erkennen", übertrieb er, um sie wegen ihrer mangelhaften Bekleidung nicht in Verlegenheit bringen, "und sah nur ein östlich geprägtes Pyjamaoberteil mit rotem Mop oben und unten zwei..." Er stockte, wie eine misstrauische Eule zu ihr hinäugend: "Sagten Sie eben Ponys?"

  "Und wenn?" hielt sie dagegen und fing ohne Antwort abzuwarten an, den Zimmerinhalt zu sortieren. Ein derartiges Durcheinander hatte sie lange nicht mehr erlebt, seit... hm, richtig, seit dem Sturm vor über fünfundzwanzig Jahren in der Nähe von Sydney, als ganze Bäume und Häuser vorbeigeflogen waren wie eben-auf'm-Kaffee. In dem Jahr hatte ihr Vater sie zum ersten Mal richtig ans Steuer seines alten Trucks gelassen - sein Teil des Paktes; Tonis Teil hatte darin bestanden, das Internat über sich ergehen zu lassen, während Tonis Mutter zu den sommerlichen Eskapaden von Vater und Tochter zu schweigen hatte...

  "Sitzengeblieben!" brüllte sie kernig, so oft er Anstalten machte sich zu erheben. Erst als alle Möbel richtig herum standen, fand sie seine Brille. Ein Triumphgeheul ausstoßend, stürzte sie zu dem zurückweichenden Mann, ihm behutsam das Gestell auf die Nase setzend. Die linke Seite war ohne Glas, die rechte hatte einen doppelten Sprung, doch er strahlte wie über den Nobelpreis. "Großartig, fühle mich wie neugeboren. Wenn Sie wüssten, wie ein Halbblinder sich ohne Brille fühlt, wie ein Fisch ohne Wasser... wie..."

  "Fangen Sie nicht auch mit dem Blödsinn an!" schnauzte seine bis dahin verträgliche Nachbarin.

  Denn nicht! gekränkt tat er, als würde es die launische, durch seine Brille verdreifachte Person nicht geben, die mit lockerer Hand seine Bücher einräumte: Schiller wurde neben Darwin platziert, Marx auf Volkslieder aus Litauen...

  "Ich hoffe", hatte sie ihren Ausfall offenbar schon vergessen, "die Wüteriche haben wenigstens umsonst gesucht, oder heißt es vergeblich?"

  Verständnislos schielte er zu den drei rothaarigen Frauen hin, die mit einer umfassenden Geste auf die wiederhergestellte Ordnung deuteten und ebenso synchron das Zimmer verließen, um mit drei Staubsaugern bewaffnet erneut in Aktion zu treten - in wenigen Minuten das schaffend, wozu er einige Stunden gebraucht hätte.

  "Sitzengeblieben!" schmetterte sie, sobald er sich rührte. Das schien ihr soviel Spaß zu machen, dass er ihr zu Gefallen öfters tat, als würde er - jetzt aber! - doch noch aufstehen. Endlich zufrieden, räumte sie das Putzzeug fort und erkundigte sich nach dem Standort seines Bettes.

  Seine Nasenflügel bebten. "Sie!" hielt er ihr einen moralischen Finger entgegen. "Nach so kurzer Bekanntschaft..."

  Sie spielte mit, wundervoll indignierte Augen zur Zimmerdecke rollend, auf dass diese sich auftue, den Schmutzfink zu verschlingen. Doch dann wurde sie energisch, ihm in sein Bett helfend und angenehme Träume wünschend.

  "Nein", murmelte er halb im Schlaf, eine verspätete Reaktion auf das Überstandene. Und, als ihr Gesicht sich zu einem Fragezeichen verzog: "Die Wüteriche haben nicht gefunden, was sie suchten." Er räusperte sich und setzte fast schüchtern hinzu: "Danke."

  "Das ist fein", war ihre Entgegnung, bevor sie endgültig aus seinem Blickfeld verschwand.

  Geraume Zeit lag er nur da und genoss seine warme, weiche Lage, träge überlegend, ob ihr letzter Satz der Erfolglosigkeit der Wüteriche oder seinem etwas aufgesetzten Dank gegolten hatte. Ihre Hilfe war selbstverständlich und ohne Getue erfolgt, beinahe hätte er es vergessen, doch seine gute Kinderstube hatte den Sieg davongetragen - hatte sie ihn deswegen gelobt? Er gähnte. Und wenn schon, für solch psychologische Finessen gab es geeigneteren Zeitpunkte, oder? Eben...

  Er schreckte hoch, als ihm einfiel, dass die Haustür nicht abgeschlossen war, eine Einladung an sämtliche Wüteriche. Er sollte aufstehen, aber ja, gleich. Ach was, noch mal kamen die gewiss nicht. Obwohl... man konnte nie... wissen... er... sollte... wirklich...

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 fangen wir mal von vorne an?

 Das Heulmeisje - leider keine Erfindung