Ich mag etwas nerdig sein, aber Programmierer... nope - Fehler sind daher vorprogrammiert, die Formatierung macht eh was sie will. Wie ich. Feedback? Gerne, außer man findet alles zu politisch - wer heute nicht politisch ist, ist dumm, feige oder ein Arschloch.


Leseprobe

I. unique - joh

  Er hatte weder vor dem Tod noch vorm Fliegen Angst, fand sich nur zu jung zum Sterben. Später vielleicht. Er würde darauf zurückkommen.

  Der Online-Tsunami aus Rassismus, Ökologismus, Rechtsextremismus, Pazifismus und Wasnochismus, als er nach Infos über sie gesucht hatte, nahm ihm der Atem, jedes Ismus zusätzlich mit Foren, Blogs und Chats überschwemmt - zwei mit Liliane Schnoor herself als deren Bademeister.
  Kein Wunder, dass er anfangs die Mitfahrzentralen übersehen hatte.
  Nichts gegen Fortschritt: Computer, Smartphone & Co gehörten dazu. Als Gebrauchsgegenstände. Mit Abschaltknopf. Zu zweit ein Gläschen Wein im urigen Cafe drei Straßen - oder Städte - entfernt war ihm lieber als das anonyme Getippse in digitalen Chatcafes. Doch was sollte er machen - die Dame seiner Wahl war im normalen Leben nicht erreichbar.
  Selbst in die hiesige Universität hatte er sich gewagt. Nach stundenlangem Herumlungern in überfüllten und seltsam riechenden Gebäuden hatten die bekannten Anfangstakte eines alten Kumpels namens Tinnitus ihn genötigt, diese letzte Kontaktmöglichkeit abzuhaken. Partys, Kino, Remmidemmi war nämlich nicht drin.
  Nicht einmal Spaziergänge.
  Eine sozial eingestellte und zurückgezogen lebende Frau im heiratsfähigen Alter ohne Geldnot, ohne berufliche Angriffsflächen und ohne Verbindungen außerhalb ihrer universitären und digitalen Welt - eine, die ihn nicht zur Kenntnis nahm. Und wenn, würde sie erfahren, dass er für alles stand, wogegen sie ankämpfte. Ihm war nicht zu helfen...
  Wenn das Haus, in dem sie wohnte, nicht ihm gehören würde.

  An Schicksal glaubte er nicht, Madame Ironie war gewiss auf ihre Kosten gekommen: ausgerechnet Lilianes Engagement während der Flüchtlingskrise hatte er, Norddeutscher Businessman des Jahres 2006, es zu verdanken, dass sie in das Haus am Saltener Platz eingezogen war. Erst später war ihm dröpchenweise klar geworden, warum sie ihr Zuhause vom Fitnesskeller bis zu den Gästeräumen im ausgebauten Dachboden nach und nach mit sechs Kommilitonen und vier Flüchtlingsfamilien gefüllt hatte: herumhopsend und in allen möglichen Sprachen vor sich hinbrabbelnd, konnte er sich lebhaft vorstellen. Sofort hatte er sich das Kleingedruckte in ihrem Mietvertrag vorgeknöpft, vage Bilder von Pyramiden im Kopf: Menschen anstatt Sand, oi. Zum Glück hatte Liliane ein halbes Jahr später die eigene Verruchtheit geistig realisiert, und die Agentur, die ihr Irrenhaus bürokratisch fit gemacht hatte, hatte einen adäquaten Wohnersatz für sie ausgespuckt. Ein moderner Kuhhandel oder Service, um wenigstens den kleinen administrativen Daumen an wertvollen Immobilien kleben zu haben; Werbekugelschreiber den Stoffeln vom Lande - global war anders.

  Zufall oder Madame, genau diese Agentur hatte seit deren Gründung die inoffizielle Hauptaufgabe, ihm, Johannes Schmid, den Rücken frei zu halten. Er konnte sich nicht um alles kümmern: Peanuts gerne, selbst knacken weniger. Gut so, unbesehen hätte er sie locker unter irgendeiner Saltener Brücke schlafen gelegt, Frauen dieser Kategorie pflegten unschuldige Vermieter mit Nachwuchs zu überraschen. Nicht gut fürs Inventar, und im eigenen Haus indiskutabel. Das kam noch hinzu, noch mehr Madame.

  Sein Geburtshaus hatte Praxis darin, einsame Singles zusammenzubringen, war quasi zu diesem Zweck errichtet worden. Sein alter Herr, eigentlich Brückenbauer, hatte das Haus in jungen Jahren als Lockmittel entworfen: doppelstöckig und vom feinsten mit zwei Luxuswohnungen auf jeder Etage inklusive Kamin und Balkon oder Terrasse und - Achtung, Clou: zwei völlig voneinander getrennten Eingängen. Mit Schicksal und Co. hatte das wenig zu tun, darauf gab er genauso wenig sein Vater vor ihm, der das Haus direkt am Saltener Platz hochgezogen hatte, nachdem inoffiziell feststand, dass die Bücherei mitsamt attraktiver Leiterin nebenan einziehen würde.   Glasklare Berechnung anstatt Magie also. Sorry.

  Joh konnte sich nur verschwommen an das Ziel dieser Anstrengungen erinnern, hatte die Geschichte jährlich unterm Weihnachtsbaum von Öhmchen erzählt bekommen, einer resoluten Persönlichkeit, eigen und freiheitsliebend wie ihre Tochter, die übrigens bereits eine wunderschöne Wohnung im benachbarten Hamburg besessen hatte. Ein Dach überm Kopf war demnach nicht der Köder, überzeugt hatte sein Vater mit der Möglichkeit, sich innerhalb einer Wohngemeinschaft zurückziehen und doch zusammen sein zu können: ein Pseudo-Nest für Frauen, deren biologische Uhr anfing zu ticken. Entweder seine Mutter war etwas eigen oder der Ruf seines Vaters auf weniger konservativen Steinen gebaut als dessen Brücken, laut Öhmchen hatte die Umworbene auf einen notariellen Tausch beider Wohnungen bestanden - noch vorm Einzug in das Haus am Saltener Platz. Eine Transaktion, die offiziell in der hiesigen Zeitung bekannt gegeben worden war. Ganzseitig. Im Gegensatz zur Vermählung knappe zwei Jahre nach Johs Geburt, von der selbst seine Großeltern erst nach dem Flugzeugabsturz erfahren hatten. Weibliche Eigenbrötelei und männliche Träumerei - nicht nur architektonisch perfekt umgesetzt.
  Fast perfekt. Das schöne Gebäude war auf die Fundamente eines zerbombten Schlosses gesetzt worden, dessen denkmalgeschützte Kellerräume teils unter der Bücherei lagen und eine undichte Stelle hatten, die dank Schräglage den gesamten Regen des Saltener Platzes aufzusaugen schien.

  Alte europäische Städte und unterirdische Denkmal-Popups sind bekanntlich unzertrennlich, wie von alleine hochgerutscht tauchen historische Scherben auf, um flugs wieder versenkt zu werden. Ein hässliches Kapitel, Dauer-Baustellen hatten die Euphorie Indianer-Jones-Anhänger längst skalpiert, zusammen mit einem Staat, der auf alles Anspruch erhebt, was tiefer als ein Pflug liegt - Überbleibsel einer Zeit, als Könige noch das Sagen hatten.
  Doris, eine sehr liebe, ähm, Bekannte von ihm und im Kulturbereich tätig, hatte sich nach horizontalen Freuden gelegentlich darüber mokiert, die Geschichtsforschung wäre wesentlich weiter und die Museen überfüllt, wenn der Schwarzhandel nicht dank gieriger Kurzsicht der Obrigkeit blühen würde. Durch die Finanzkrise hatte sich die Lage verschlimmbessert, manch Antiquität war definitiv wertvoller als eine Lebensversicherung oder ein Bausparvertrag.

  Dummerweise war die uralte Dienstbotenküche im Keller voluminöser als eine popelige Scherbe, die sich unauffällig zuschütten oder verscheuern ließ. Nicht nur bunkerdickes Gemäuer und enge Öffnungen machten eine Evakuierung der Kulturgüter schwierig, gut erhaltene mosaikartigen Steinteilchen in der noch dickeren Decke zwischen Haus und Keller - angeblich während der Zeit Napoleons entstanden, huch - hatte noch ein Sahnehäubchen obendrauf gelegt. Für alles gab es ein Verfallsdatum oder Preis, nur der Denkmalschutz scherte sich weder um die Zeit noch das Geld anderer. War das wieder verdorbenes kapitalistisches Denken oder eine tröstliche Philosophie?

  Johs Vater hatte aus der Not eine Tugend zu machen versucht und die untere Wohnung, links, mitsamt porösem Kellerboden auf der Sozialwohnungsbauwelle mitsegeln lassen, die das damals boomende Deutschland plus Steuererleichterungen und Subventionen fest im Griff hatte. Seitdem wurde das Teil als Sozialwohnung hauptsächlich von besser gestellten Studenten geschätzt - und Johannes Schmid Senior erhielt weitere Pluspunkte von seiner sozial gepolten Frau.

  Eine Generation später erwog Johannes Schmid Junior, durch einen Antrag auf Fördergeld zur Dämmung unter Denkmalschutz stehender Gebäuden noch eins draufzusetzen. Die undichte Stelle war mehr als lästig, und Sozialwohnungen nicht mehr zeitgemäß - dafür ließ es sich auf der Klimaschutzwelle gut segeln. Trotz Kopfschütteln von Uta, einer anderen auch sehr lieben, ähm, Bekannten vom Bauamt, würde es sicherlich reichen, die Wohnung unten zu räumen, die nach erfolgter Sanierung um ein vielfaches wertvoller sein würde. Oder?! Das ständige Herummurksen wegen dem Gemäuer nervte, und die Deregulierungen, die im Sozial- und Finanzsystem im Gleichtakt alles platt gemacht hatten, waren letztendlich nicht auf seinem Mist gewachsen. Er war doch keine Milchkuh. Verdammt, neuerdings traten Geld und Macht offiziell als Paar auf: warum auch nicht, die mangelnde Empörung war ohrenbetäubend. Bald konnte jeder wie er wollte - vorausgesetzt, der Preis stimmte. Im Gegensatz zu vielen, die kräftig von den Geistern profitiert hatten, die niemand gerufen haben wollte, besaß Joh Phantasie und ein wenig Weitblick, der über den nächsten Wahltermin hinausging: Was, wenn der immer größer werdenden Gruppe von "Losern" aufging, dass sie nicht mitspielen mussten? Wenn die Win-win-Illusion, diese Sehnsuchtsblase, irgendwann doch noch zu den Gewinnern zu gehören, platzte und das ganze Spiel mit sich riss, weil es an Mitspielern fehlte? Game over, ups. Spiele wie Monopoly waren/sind auf einen regen Kreislauf angewiesen - ohne fielen sie wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
  Wie Feuer, Krieg und Mobbing.

  Liliane mit Baulärm zu verscheuchen ging natürlich gar nicht. Allein der Gedanke, dass sie Woche für Woche direkt nebenan gegessen, gekocht und geschlafen hatte und er hatte nichts davon gewusst - was für eine Verschwendung. Seine Saltener Wohnung war ihm bislang bloße Zwischenstation gewesen, bestenfalls zweckmäßig möbliert. Die Küche hatte als Aufbewahrungsort von Getränken und Fertiggerichten gedient für den Fall, dass er zu müde zum Weiterreisen war und einen Snack benötigte. Seine unsichtbare Haushaltshilfe, Frau Dahne, war mit Bettlaken und Kühlschrank häufiger in Berührung gekommen als er.
  Bisher wohlgemerkt: war. Vergangenheitsform.

  Die Wohnung darunter wurde von seinem Großvater besetzt gehalten, der mitsamt kürzlich verstorbener Ehefrau Wohnrecht auf Lebenszeit hatte und nun ein wenig wunderlich wurde. In seiner Familie überlebten trotz Raucherei und ungesunder Ernährung die Männer. Ob man das nicht irgendwie klonen konnte?

  Zum Glück hatte ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein - oder Gleichgültigkeit? - ihn stets davor bewahrt, seine Besitztümer wie Trophäen an öffentliche Pinnwände zu hängen; was andere dachten, interessierte ihn wenig. Es waren Kapitalanlagen. Sicherheiten. Messbar. Im Grundbuch verewigt.

  Real vor allem. Keine Lichterscheinung, die aus dem Nichts auftauchte, keine physikalische Täuschung, die er verpasst hätte, wäre der eigene Eingang dank Renovierungsarbeiten nicht unpassierbar gewesen. Unpassierbar ausgerechnet wegen jenem porösen Kellerboden, der unter der anderen Haushälfte lag. Doch sonderbar eigentlich...
  Danke trotz allem, Madame: Käffchen gefällig?

  Woran es lag, an der Wintersonne, die durch das große Fenster hereinflutete, oder am Treppenhaus, dessen hohe Wände goldgelb getüncht waren, selbst im Dunkeln Helligkeit vortäuschend - der passende Rahmen für eine Gestalt, die nur aus Licht zu bestehen schien: helle Haarsträhnen, deren tiefer Goldton nach Copyright schrie, lugten unter einer zum Mantel passenden beigefarbenen Pudelmütze hervor, dazu eine honigfarbene Haut, idealer Kontrast zu den dunklen Wimpern mit den imposant gebogenen gleichfarbigen Brauen darüber und den bernsteinfarbenen Augen, Augen, die unpersönlich, beinah kalt über ihn hinweg zu scannen schienen: erfasst und - schwupps: Papierkorb.
  Autsch.
  Sie war eine Illusion, eine physikalisch-psychisch-mental-emotional-chemische Reaktion. Zur unrechten Zeit am unrichtigen Ort, war er kurz und unbeabsichtigt auf Empfang gewesen und... verloren!

  Ein Businessplan musste her.

  Sich in den verschiedenen Gutmensch-Foren und Ökogruppen registrieren, von denen er keine Ahnung gehabt hatte: hatten die alle nichts zu tun? - war schnell erledigt. Lange brauchte er nicht, um zu erfassen worauf es ankam. Knapp dreieinhalb Wochen später war er seinen weißen Lamborghini los, eingetauscht gegen ein altes Hollandrad, das sich als rostfrei und fahrtauglich entpuppte, sobald er es stundenlang unterdrückt vor sich hinfluchend vom Modder befreit hatte - direkt unter ihren rückwärtigen Fenstern, deren Rollos stets unnahbar runterhingen. Es war der Hit in ihren virtuellen Kreisen - zwei Wochen lang hatte er zuerst triumphierend, dann erwartungsvoll, und zu guter Letzt nur noch resigniert auf Feedback vom toskanischen Eisblock nebenan gewartet. Seitdem fuhr er Fahrrad.

  Er übertrieb? Achtunddreißig Jahre hatte er keine Ahnung gehabt, wie es ist, sich restlos ausgeliefert, himmelhoch jauchzend und zutiefst unglücklich zu fühlen - alles auf einmal. In ihrer Gegenwart spürte er jeden Herzschlag, die Luft schien langsam und gleichzeitig schnell aus seinen Lungen zu strömen, ach was: zu vibrieren, den Rückweg merkte er gar nicht - oder war es umgekehrt? Allein die Vorstellung, sie direkt nebenan zu wissen, ließ seine Haare millionenfach am ganzen Körper zu Berge stehen, von einer kühlen Brise bewegt, die etwas Elektrisches hatte. Er bebte, er lebte, verdammt. Was sollte er sonst tun, nochmal achtunddreißig Jahre den Ötzi machen?
  War bloß ein Auto.

  Als "Münster des Hohen Nordens" hatte das Städtchen Salten einen Ruf zu verlieren. Trotz hanseatischem Getröte, die Sportlichkeit oder das Umweltdenken der lütten Nachbarn wär' unecht, und die vor Jahrzehnten angefangene Verkehrsberuhigung deren Angst zuzuschreiben, von Hamburg verschluckt zu werden, von einer Metropole, die bereits Globalisierung betrieben hatte, als das noch ein anständiges Wort war.

  Warum auch immer, der Infrastruktur war es nicht bekommen - weder hin, noch zurück. Insbesondere den Straßen nicht. Sträucher, Asphaltbeulen, Bäume, Blumenbeete und andere Hindernisse erschwerten nicht nur den Rasern aus Hamburg ein flottes Durchfahren. Mit Ausnahme von langsam durchfahrenden Anwohnern und hiesigen Mini-Elektrobussen war die Innenstadt mittlerweile komplett gesperrt, selbst die Züge fuhren selten und unregelmäßig.
  Da war sie wieder, die typisch Saltener brauchen-wir-nicht Dickköpfigkeit.
  Keine guten Voraussetzungen für einen Globetrotter ohne fahrbaren Untersatz, der eine Karriere am Wall Street in die Tonne gekickt hatte, um nicht fliegen zu müssen. In Bahnhofshallen oder Bussen kampieren war auch nicht seins, trotz Einladung eines Billig-Busverkehrs, der sich neuerdings kreuz und quer durch ganz Europa breit machte. Noch ein Ismus oder wie-dem-auch-sei-Bus, und selbstverständlich in Saltens Straßen unwillkommen, zu hoch, zu breit, zu unkatalysiert, zu whatever: Brauchen wir nicht, wech damit. Nur mit "Billig!" im Gepäck rannte man in Salten keine Türe ein.

  Das ständige Suchen nach einer Kontaktmöglichkeit, einem gemeinsamen Nenner, Freund, Hobby, irgend etwas, hatte zu nichts geführt, bis seine eingeschränkte Mobilität ihn mit der Nase auf eine erstklassige Option fast platt drückte: von einer der großen Mitfahrzentralen starrte ihm unversehens ihr ernstes Gesicht als eins der wenigen in Salten ansässigen Mitglieder entgegen. Zwar ein altes und schlechtes Foto, das mehr verbarg als zeigte, aber er hatte sie sofort wieder erkannt. Jeden Monat ließ Liliane Schnoor sich abwechselnd von zwölf Fahrern durch halb Deutschland und/oder zurück kutschieren.
  Heureka. Ma-dame!
  Einige Klicks später hatte das heckige Dutzend eine Blankokarte der Deutschen Bahn im Mailbox, gültig sechs Monaten lang innerhalb Deutschlands.
  Dann waren es neun.

  Ein seltsames Völkchen, die Deutschen. Einerseits Weltmeister im Trennen von Müll, und Atomaussteiger der ersten Stunde, andrerseits besaßen nirgends Autofahrer soviel Ellenbogenfreiheit; Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit wurden zu tönernen Worthülsen, wenn es ums Auto ging. Irgendein Spielzeug braucht jeder, erhöhte Joh ungerührt auf ein Jahr in ganz Europa, first class, und obwohl seine Bemühungen scheiterten, das Rauchverbot der Deutschen Bahn auszuhebeln: füüüünf, viiiier, dann irgendwann drei.
  Bevor der Abstoßrausch ihn im Schwitzkasten hatte, ein alter Begleiter gelegentlicher Abstecher an der Börse, zog er die Notbremse, sich rechtzeitig erinnernd, dass er kein Auto mehr hatte. Und ob es gut aussah, sich als taufrischer Radfahrer und registrierter Ökofreak ohne Punkt und Komma eine neue Welt auf vier Rädern zuzulegen, nur um es ihr zu Füßen legen zu können...? Hm. Glaubwürdigkeit war anders. Und es bestand die Möglichkeit, dass Liliane die Deutsche Bahn ihm vorzog. Nicht wahrscheinlich, aber möglich.
  Vage möglich.
  Egal, drei war übersichtlich. Er mußte nur achtgeben, dass sich keine neuen einfanden. Nach einer Durchsicht der Dateien auf ihrem komplett ungesicherten Computer - Leichtsinn pur, würde er ihr irgendwann abgewöhnen müssen - hätten zwei der drei Würstchen ihr Vater sein können, und das dritte war sicherlich potthässlich, ein Idiot oder noch nicht trocken hinter den Ohren. Oder?!
  Der Output der Suchmaschinen zum Trio war dürftig, selbst die Namen und E-Mail-Adressen aller Fahrer, die sich in der Mitfahrzentrale keine Daten-Blöße gegeben hatten, hatte er durchs Hacken in eins ihrer Online-Postfächer rausmelken müssen. Was war das: kleine Wiedergeburt von Kant im Schatten vom Big Brother, oder defekte Suchmaschinen? Er tippte den eigenen Namen ins Suchfenster und hatte nach einigen Augenaufschlägen ein paar hundert Seiten Unfug über sich. Beim Trio hatten sämtliche Suchmaschinen nur ein paar Artikeln über einen der Oldies, einen leibhaftigen Bigamisten - ob ihr das bekannt war? - ausgespuckt. Sonst nichts. Null Information gab es zum mysteriösen Dritten im Bunde, dessen Sicherheitseinstellungen wasserdicht waren; selbst dessen an Liliane adressierten Mails erwiesen sich als unleserlich, also einwandfrei verschlüsselt. Liliane war weniger vorsichtig, ihre übrigens allenfalls freundschaftlich gehaltenen Antworten verrieten immerhin wie er hieß: Patrick W. Otto.
  Nach einem Pseudonym klang das nicht: tschakka, baby!
  Richtig fündig wurde Joh erst nachdem er ein Drittel aller IT-Business-Plattformen abgegrast hatte in der Annahme, es mit einem PC-Profi zu tun zu haben: in einem der kleinen war ein Patrick Werner Otto registriert, wohnhaft in Salten. Volltreffer und versenkt. Wenn der Windhund sich Liliane unter einem falschen Namen genähert hätte, wären Johs Chancen, ihn jemals zu identifizieren, gleich Null gewesen.
  Jeder macht Fehler.
  Von da an war es ein Kinderspiel. Der Bursche machte Eigenwerbung auf Deubel komm raus, seine Lieblingsidee eines 3D-Spiels kam aber nicht an - gab einfach zu viele. Hm, Beziehungen spielen lassen, um ihn nach Amerika zu ködern? Dahin wollten die Nerds doch alle, anstatt hier ein autarkes europäisches Gegengewicht zu schaffen. Später. Schnell entdeckte er ein paar Start-ups und einen Kunden, der auf Datenschutz weniger Wert legte und einiges in einem ungesicherten Cloud archiviert hatte. Halleluja.

  Überhaupt merkwürdig, warum war dieser Patrick Otto in keiner der Mitfahrzentralen wenigstens registriert - wie war das möglich? Joh durchforstete den Cloud und klatschte sich mit der flachen Hand an die Stirn: er Trottel, Saltener Platz 8 - die Sucherei hätte er sich sparen können! Mr. Topsecret wohnte links, unten in der sogenannten Sozialwohnung, teilte sich also den Eingang mit Liliane und hatte sie gewiss im Treppenhaus kennengelernt wie er selbst - wobei der Schlingel sich garantiert geschickter angestellt hatte. Dies erklärte nicht nur den Umweg von fast fünfundzwanzig Kilometer am anderen Ende der Strecke, den Patrick Otto offenbar jedes Mal in Kauf nahm, sondern auch, warum er einen Echtnamen angegeben hatte, in seinem Metier kein Usus. Nicht wirklich. Neugierig checkte Joh die Videoaufnahmen der zwei Security-Cams, die er am gleichen Tage seines illuminierten Nichtzusammenstoßes mit Liliane im Treppenhaus hatte anbringen lassen, und beschloss, zuallererst Patrick rauszuschmeißen, ähm: auszuladen. Der Mensch war jung und sah nicht übel aus, wenn man auf Äußerlichkeiten gab: eine Art Redford/Cruise-Verschnitt. In Jung. Shit.

  Wo hatte er den Antrag zur Sanierung des Kellers hingelegt, wo waren die Baupläne, die sein alter Herr noch eigenhändig gezeichnet hatte? Unlängst war ihm die Möglichkeit durch den Kopf gegangen, die Ausbesserung von außen, also von der Fußgängerzone bzw. Marktplatz anzugehen, und von dort seitlich in den Keller vorzudringen, sozusagen dem Regenwasser hinterher. Ein Jammer, dass er Uta nicht fragen konnte, sie würde für seine derzeitige sexuelle Enthaltsamkeit wenig Verständnis haben. Man könnte Saltens Kulturheinis zur Kooperation kitzeln, das hiesige Museum lag im rechten Flügel des Saltener Hufes; alle paar Monaten erhielt er herzerweichende Bettelbriefe vor allem wegen den riesigen Kupferkesseln.

  Was gab es noch zu bedenken: Verkehrsbehinderungen? Der Saltener Platz war ein richtiger Marktplatz von der Größe eines halben Fußballplatzes und gehörte zur Fußgängerzone B. Im Wechsel mit den beiden anderen Fußgängerzonen gab es dort Wochenmarkt mit in Babywannen schwimmenden Fischen und regionalen Lebensmitteln - welcher Verkehr denn, bittschön?

  Die Lieblingsbeschäftigung fast aller seine Freundinnen war es gewesen, ihn zu verkuppeln, mit allem drum und dran unter die Haube zu bringen nach dem Motto "mitgefangen, mitgehangen" - ob er es doch mit Uta riskierte, ihr sozusagen alle rosafarbene Karten auf den Tisch legte? Sie würde in dem Fall helfen wollen. Die große Frage war doch: Würde die Evakuierung der unteren Wohnung ausreichen? Die Verbindung zwischen den beiden Treppenhäusern war auf seine Veranlassung hin gleich nach Fertigstellung der Sanierungsarbeiten korrekt verschlossen worden - er war wieder mal über die eigene Ehrlichkeit gestolpert - und müsste dann erneut geöffnet werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Liliane müsste den anderen - seinen - Eingang nehmen, und der Patrick Dings wäre weg vom Fenster.
  Andrerseits, würde der Lümmel dann nicht irgendwo hinziehen, wo er ihn nicht länger im Auge hatte? Und somit auch Liliane? Nicht gut. Konnte man sich darauf verlassen, dass sie trotz Verschlossenheit nicht auf den reinfiel oder reingefallen war, war diese Unterkühltheit überhaupt echt oder war sie traumatisiert wegen dem, ähm, Missgeschick ihres Vaters? Er hatte einige ihrer ehemaligen Lehrer und Mitschüler unauffällig und anonym im Rahmen einer fingierter Umfrage über sie auszuquetschen versucht. Und nichts erfahren.
  Die Frau trieb ihn noch in den Wahnsinn. Herrlich.

  Zu guter Letzt veranlasste er das Dezimieren der Suchergebnisse zur eigenen Person und tippte seinen Namen erneut ein: knapp dreieinhalb Seiten Blödsinn. Geht doch. Weniger wäre unglaubwürdig. Seiner Traumfrau irgendwann stotternd irgendwelche Leichen erklären zu müssen, hielt er für unter seiner Würde - lieber drapierte er die Zombies von vornherein so, dass sie appetitlich oder wenigstens nachvollziehbar aussahen. Er war zwar ein guter Pokerspieler, aber ein miserabler Lügner und sah auch die Notwendigkeit nicht ein, herumzuflunkern: er war wie er war wie er war wie er war. Und so gedachte er zu bleiben.

  Blieb noch der für ihn schwierigste Teil: wie eine fette Spinne darauf lauern, wer sich wann wohin und weswegen bewegte und auf eine Gelegenheit warten, eins seiner Spinnenbeine in eins ihrer Mitfahrtrips zu schieben. Bis dahin versuchte er, die nicht-aktivistischen Informationen über Liliane zu ordnen und auszuwerten, den virtuellen Gutmenschkram hatte er abgehakt, nachdem er ein gewisses Muster heraus gefiltert hatte - darin war er Weltmeister. Abgesehen von den üblichen Schuleinträgen und ihren ersten offenbar unbefriedigenden beruflichen Schritten im sozialen Bereich, war die einzige Ausbeute zu ihrer Person der Autounfall ihres Vaters, der jemanden über den Haufen gefahren hatte.
  Heftig. Er kannte die Berichte darüber und alles drumherum inzwischen auswendig, da es die einzig wirklich aussagekräftige Information war. Es klang mysteriös und verschaffte ihm nicht nur Gänsehaut, sondern darüber hinaus ein angenehmes Zusammengehörigkeitsgefühl - durch einen anderen Crash war er mit vier Jahren Vollwaise geworden.

  Das fröhliche und letzte Winken seiner Eltern, als sie im Flieger nach Kanada verschwanden, war in seinem Hinterkopf genauso gespeichert wie die Elite-Internate in ganz Europa in den Folgejahren, nur unterbrochen durch Ferienaufenthalten bei den Großeltern am Saltener Platz. Nach einem passablen Schulabgang hatte er sich durch die oberen Etagen etlicher Managements geboxt und führte seit fast sechs Jahren ein sorgenfreies, geregeltes Geschäfts- und Privatleben mit kleinen Abstechern in sonnigen Gefilden. Seine Freizeit war gespickt mit gelegentlichen Weekend-Parties, woraus sich ebenso gelegentliche Affären ergaben, vorwiegend mit verheirateten Frauen - sie waren pflegeleichter. Er war sein eigener Herr.
  Das war es. Es war ein spannendes, interessantes Leben ohne Langeweile und Reue gewesen - ein Leben, das er dabei war, nach und nach auseinanderzunehmen. Mit dem größten Vergnügen, fast genüsslich auseinanderzunehmen. Ein Mann muss Prioritäten setzen, wenn es die Umstände erforderten.
  Außerdem hatte er, streng genommen, genug beiseite gelegt, es wurde Zeit, ein Nest zu bauen. Ja. Auch er.
  Und was sein Vater, für den er bis vor kurzem wenig Verständnis hatte aufbringen können, vor vier Dekaden gelungen war, konnte er mit links.

  Aber hal-lo.

II. eine kleine bigamie - phil & so

  "Du erinnerst mich irgendwie an meine erste Liebe."

  "Echt?" hatte Liliane eine Braue gehoben. "Wenn du es schaffst, in meiner Gegenwart alle Assoziationen dazu für dich zu behalten, könnten wir uns verstehen..."

  Dies waren nicht ihre ersten Sätzen miteinander, aber prägend. Zwar hatte Phil ein reines Gewissen, es war keine Anmache gewesen: was dachte das Kind von ihm? Aber deswegen die beleidigte Leberwurst spielen? Kindisch, zeitraubend und schlecht für den Blutdruck. Machte außerdem Falten, die auf natürlichem Wege nicht mehr verschwanden. In seinem Alter nicht irrelevant.

  Verschwunden waren dafür die goldene Zeiten, als man die eigenen Geschäfte einer unsichtbaren ehrlichen Haut überlassen und sein Leben leben konnte, ohne ständig nach den Börsennachrichten schielen zu müssen. Vertrauen war eine gute Sache. Immer noch. Gut für die Freundschaft, gut für Partnerschaften und Beziehungen, gut für die Seele. Empfehlenswert also. Eigentlich. Verändert hatte sich "bloß" das Geld oder vielmehr dessen Bedeutung vom schlichten Tauschmittel zum 'Schein-Gott', Religion und Staat verwässernd bis zur Unsichtbarkeit. Wie gut, dass er als pragmatischer Agnostiker sich auf alle drei nie verlassen hatte.

  Spätestens seit Anfang der Finanzkrise zuckelte er bei Bedarf nicht zuletzt wegen dieser Entwertung die fünfhundert Kilometer von seiner Wahlheimat Hamburg zur neuen Götzenmetropole Frankfurt und zurück, um persönlich nach seinen Projekten zu schauen - ab und zu angenehme und halbwegs intelligente Gesellschaft während der Fahrt war alles, was er sich gewünscht hatte. Voraussetzungen, die Liliane mühelos erfüllte.

  Seit ihrer ersten gemeinsamen Fahrt fuhr Phil alle paar Monaten den kleinen Umweg über Salten, geduldig in seinem alten, dafür bequemen Buick am Saltener Platz oder vorm Sanatorium auf sie wartend - je nachdem, ob sie die Hin- oder die Rückfahrt gebucht hatte. Die Hilfspolizisten, liebevoll HiPos genannt, hatte er bisher mit Charme, Logik, Pralinen und vor allem Gartenarbeit davon abhalten können, sein verkehrswidriges Warten zu ahnden, im Kofferraum nebst Pralinen und exotischem Gewächs ein paar Gartenhandschuhe, die er sich überzog, bevor er eine der grünen Inseln am Saltener Platz verschönerte. Lange genug hatte es gedauert, im Saltener Labyrinth aus Bäumen, Blumenbeeten und anderen Hindernissen einen Weg hierher zu finden, obwohl der zum Elektrofahrzeug umgebauten Oldtimer einer der schmalsten und kleinsten seiner Sorte war.

  Nach Ausbruch einer Art Run auf die Bahn unter Lilianes Fahrern, der einen nach dem anderen von deren Chauffeuren-Karussell springen ließ, lag seine Fahrbeteiligung aktuell bei einmal alle zwei Monaten hin oder zurück, hinten mindestens ein Mitfahrer, damit sie sich nicht erneut das hübsche Köpfchen über seinen Single-Status zerbrechen musste.
  Ihm war es Recht. An Gesprächsstoff mangelte es ihnen nie, er verstand sich gut mit dem Mädel mitsamt erhobener Augenbraue - oder zwei. Gesellschaftlich, politisch und pseudo-wissenschaftlich lagen sie auf dem gleichen Level, nur philosophisch und ethisch drifteten sie manches Mal auseinander. Was auch seinen Reiz hatte. Seit einer der Mitfahrer das Thema Ehe angeschnitten hatte, war seine treffliche Eignung als polygamische Fallstudie hinzu gekommen. Schamgefühl kannte er nicht, schon gar nicht, was seine Ehen betraf - warum auch? Das von der Anklage sowie Staatsanwaltschaft nicht durchgesetzte und, wie er fand, ungerechtfertigt hohe Strafmaß wegen Bigamie war dank Unbescholtenheit, Sesshaftigkeit und mangelnder kriminalistischen Energie zu einer Bewährungsstrafe versickert und schreckte sie nicht ab. Im Gegenteil.
  Das Phänomen kannte er. "Seine kleinen Bigamien", wie er sie provokativ nannte, erregten meistens eine Mischung aus Scheu, Neid und Neugier, die zu befriedigen er nicht abgeneigt war: why not? Im Gegensatz zur üblichen Sensationsgier, war Lilianes Interesse dezent, fast beruflich. Mit offenem Mund hatte sie ihn nie angegafft. Perfekt.

  Geschichten entwickeln häufig eine Eigendynamik, sich im Laufe der Zeit wie ein Chamäleon verwandelnd, je nach Stimmung des Erzählenden oder Art des Publikums, die mal heiter, mal dramatisch hin und her wieseln mochte - dazwischen die ganze Gefühlspalette. Wer solche Abweichungen als Schwindelei oder Lüge abtut, macht es sich zu einfach. Dokumentation ist effizientes Duschen, in Erinnerungen hingegen baaadet man mit mindestens 3 As. Gerade der Wunsch,

Ende der Leseprobe.



Kurz-Biographie & Alibis

  Bin in NL geboren und in den Staaten aufgewachsen; der Aufenthalt in drei verschiedenen Ländern ermöglicht eine aufgeschlossene und anti-nationalistische Sichtweise, die verbindet anstatt zu trennen. Daher der Entschluss, künftig unter dem Namen Miluv Jacobse zu veröffentlichen. Erst nach etlichen Jahren K(r)ampf gegen bürokratische Windmühlen im Niemandsland (dt. Pass abgelaufen, im Geburtsland für tot erklärt - neugierig geworden? Mehr unten, mittig: heulmeisje) erhielt ich meine alte NLer Identität als Jacobse wieder. Die Shizophrenie dieser zwei Identitäten macht sich hoffentlich im Buch nicht allzu breit und ist einer der Gründe, warum Sie von mir keine Publikationen finden werden.

  "gesiebtes brot" ist entstanden während meiner Pendelei via Mitfahrzentrale & Bahn zwischen Lübeck und Utrecht, nachdem der Elektroscooter meiner damals 95jährigen Mutter mit einem Salto deren Knie zertrümmerte. Sie starb im letzten Frühjahr mit 98, dement.
  Das Buch schrieb sich also von alleine, ich musste nur lauschen.



Exposé & Co

  "Er hatte weder vor dem Tod noch vorm Fliegen Angst, fand sich nur zu jung zum Sterben. Später vielleicht. Er würde darauf zurückkommen", endet die Geschichte fast genauso wie es anfängt.
  Dazwischen pendeln vier Personen während und nach der Flüchtlingskrise einmal im Monat die jeweils fast fünfhundert Kilometer zwischen Salten (fiktivem Städtchen in der Nähe von Hamburg) und Frankfurt a.d. üblichen Fluss: mittags hin, abends zurück.

  Das Quartett besteht aus vier Welten - also mindestens vier Er/Sie-Erzähler bzw. Perspektiven: drei Männern und einer Frau.

Phil, Hamburger mit Englischem Pass, gelangweilter Privatier jenseits der 50, der gern mit Episoden seiner nicht immer gültigen Ehen unterhält, die sich wie ein roter Faden und emanzipatorische Zeitstudie durch die Erzählung winden;

Joh, als Vollwaise in Internaten aufgewachsen, Geschäftsmann & Zocker um die 40, dessen bisher spannendes, aber unverbindliches Dasein plötzlich Risse bekommt und schal schmeckt;

Marc, Mitte 20, Nesthäkchen im Schatten erfolgreicher Büder, Nerd & Software-Profi mit viel Ehrgeiz, aber wenig Disziplin und Ausdauer;

Liliane, Ex-Sozialarbeiter, mit fast 30 nach beruflichem und privatem Debakel wieder Student, trotz Zweifeln, ob ihre Ausbildung - zumal die Psychologische - einen Sinn hat.

  Obwohl schweigsam, ist Liliane der Administrator der Fahrgemeinschaft. Sie ist die Letzte dreier Generationen Frauen, die alle mehr oder weniger unter der unverdauten Kriegsvergangenheit der ersten leiden und nicht eben Plaudertaschen sind - von Menschen umgeben, die sich damit nicht zufrieden geben und gesprächiger sind: Männer.
  Ironie? Och.

  "Gesiebtes Brot" (Arbeitstitel: "Eine Kleine Bigamie") ist ein Gegenwartsroman (2015/2016; 213 Seiten), außerhalb dem alten Buick des Bigamisten Phil und dessen Erinnerungen spielt die Geschichte in einer der wenigen "Randortschaften" ab, die sowohl die Gier der Metropole, der Globalisierung wie die Verfressenheit nach immer mehr Straßen widerstanden und überlebt haben.

  Die Flüchtlingskrise verdeckt beinahe den Markt-Tunnelblick der Politiker, eine Pseudo(Börsen)welt vorlassend, die mit dem Leben nichts zu tun hat. Die unkontrollierte Gegenbewegung im Netz ist nichts als das Gegenstück zur profit-orientierten Raupe, die alles frißt. Leise und authentische Hintergrundmusik einer merkwürdigen Fahrgemeinschaft, deren Ende offen ist.



Table of contents

I. unique - joh.........................................................................1
daten-tsunami, treppenlicht, gehacktes, business plan

II. eine kleine bigamie - phil & so ........................................18
phil & die ehe, käthe, liliane & der unfall, franz

III. gewittern - mim & liliane ................................................41
mob, elektronische vergewaltigung, austern, flüchtlinge

IV. nerdy - patrick & joh........................................................58
mathe, 3 im mini, kuckucks-oma, mantel unterm rock, dubliner

V. qwertz - keine janneke.......................................................81
berge, gusto, adobo, das wetter, mimosen-destruktion, footprint

VI. gesiebtes brot - janneke & pam ......................................100

absolution, totenruhe, wadenwickeln, nsa-mann, fotos, chevy

VII. machtsweg - anne & clara..............................................131

anne & mutter, auflösung, sonnabend, kunstwerk, koma-ben

VIII. dekado - elvira & sophia..............................................152

regentropfen im zug, fasching, tirade, sophia, unfall

IX. die wand...............................................................189-213

blitzidee, error, kralle, der keller, sündenbock





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 lily  heulmeisje  Noch nie in Lübeck gewesen? tz  ja, spinnen die?